Zugfahrt

Ein Abteil ganz für mich ganz allein. Hinlegen und und versuchen zu schlafen. Ich bin zu aufgeregt, schaue ins Dunkel, sehe vorbeiziehende Lichter. Ein kurzes, regelmäßiges Klopfen nähert sich meinem Abteil.
Die Tür geht auf, und eine kleine, blinde Frau steht vor mir. Ihre Frage ob ich allein sei bejahe ich. Sie wendet sich freundlich ab und sagt sie wäre lieber mit mehreren Menschen in einem Abteil, nicht mit einem Mann allein. Eine Stunde später klopft es erneut. Wieder begehrt eine kleine zierliche, diesmal sehende Frau Einlaß. Wir wechseln die Bänke nach einer kurzen Begrüßung, sie kann nicht rückwärts fahren. Jeder legt sich auf seine Bank. So fahren wir nun querr und waggerecht zur Fahrtrichtung, rückwärts ist das auch nicht. Mein wundern verliert sich im Geräusch der Räder. Ich sehe im Dämmerlicht zu ihr rüber. Sie liegt auf dem Rücken, trägt eine Mütze, unter den Füßen eine Plastiktüte. Bestimmt will sie zu ihren Kindern nach Israel, denke ich. Plötzlich redet sie ohne ihre Position zu verändern, sie liegt wie aufgebart. Nach Samarkand, Gruppenreise und sie freut sich darauf. Vor nicht allzu langer Zeit war sie in Persien, davor in Indien. Ich vertraue ihr an auf dem Weg nach Nepal zu sein, dort hat es ihr gefallen und sie gibt mir Tips für meine Reise. Langsam spricht sie weiter. Gruppenreisen mit 4 Leuten wie neulich nach Laos, Kambodscha und China sind nicht so gut, aber immer noch besser als im schlimmen Deutschland zu bleiben. Lange schweigt sie. Dann fragt sie mich verträumt aus der Dunkelheit. Sind sie Pilot? Ohne eine Antwort abzuwarten spricht sie weiter. Pilot müßte man sein. Meine Augen suchen einen Weg durch die Dunkelheit. Ich schätze sie auf siebzig und sie sieht glücklich aus.


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